Interview zu Intimchirurgie und Labioplastik im Life!

  14. März 2017

Der Titel „Schnitt im Schritt“ ist mir zu reisserisch und zu einfach. Gründe für Intimchirurgie und insbesondere für Labioplastik (Schamlippenplastik oder auch Schamlippenkorrektur) — so zeigt meine Sprechstunde — hat viele Facetten. Im Artikel versuche ich diese darzulegen. Die Journalistin Sandra Teuber ergänzt den Artikel um zahlreiche Trends wie PYPTOOS, VAJAZZLING oder VAJACIAL, die auch für mich neu waren.

Weitere Informationen zu Labioplastik finden Sie in diesem Artikel der Life! (zum Download als PDF: Schnitt im Schritt.)

— Die Fragen des Artikels mit meinen Antworten als Auszug —

Frau von Seefried, allein in der Schweiz lassen jährlich mehrere Tausend Frau­en ihren Genitalbereich mit chirurgi­scher Hilfe optisch und funktional ver­ändern. Spüren Sie den Trend auch in Ihrer Praxis?
Ja, die Anfragen nehmen bei Frauen jeden Alters zu. Einige sprechen das Thema bei der Routinekontrolle an, andere kommen eigens dafür in die Sprechstunde.

Mit welchen Wünschen kommen die Frauen zu Ihnen?
Die meisten dieser Patientinnen sind unzufrieden mit ihren Schamlippen. Bei vielen Frauen sind diese asymmetrisch, oder die inneren Schamlippen sind deutlich grösser als die äusseren. Dadurch werden sie sichtbar und als unästhetisch empfunden. In manchen Fällen sind sie auch für körperliche Beschwerden verantwortlich. In solchen Fällen werde ich gebeten, die Dinge wieder in Form zu bringen.

In welche Form?
Dafür gibt es keinen Massstab. Wir kennen an dieser Stelle keine Normen wie bei Nasen- oder Brustoperationen. Vielmehr geht es darum, körperliche Abweichungen auszugleichen. Es ist noch nie eine Patientin mit einer Bildvorlage zu mir gekommen.

Warum stört heute, was früher einfach als normal akzeptiert wurde?
Einerseits haben wir ein längeres Sexualleben und auch in einem höheren Alter als früher noch Wechsel der Sexualpartner. Andererseits leben wir nun mal in einer sexualisierteren Welt, die immer häufiger schon relativ junge Frauen betrifft. Auch der Trend zur Intimrasur spielt eine grosse Rolle. Man sieht mehr und vergleicht mehr. Das kann zu Verunsicherungen führen oder gar einer Art Gruppenzwang. Es kommt häufig vor, dass eine Patientin, deren Freundinnen sich bereits genitalchirurgisch haben behandeln lassen, fragt: «Was meinen Sie, ist das bei mir auch nötig?» Dann hilft es manchmal durchaus, einen Spiegel in die Hand zu nehmen und der Patientin zu erklären, was gesund und normal ist und was nicht.

Wie relevant ist gesund und normal, wenn der Trend zur Designer­-Vagina auf falschen Normvorstellungen basiert, nach denen das weibliche Genital plötzlich möglichst perfekt und jugendlich auszusehen hat, weil heraushängende Schamlippen mit Alter und Schlaffheit in Verbindung gebracht werden?
Es gibt tatsächlich Schönheitschirurgen, die ihren Patientinnen die inneren Schamlippen fast vollständig entfernen, um ihnen einen sogenannten Barbie- oder Youth-Look zu ermöglichen. Als verantwortungsbewusste Ärztin und Gynäkologin würde ich mich auf so etwas nie einlassen. Das extreme Entfernen von Gewebe ist risikoreich und hat nichts mehr mit der Mystik des Organs und seiner eigentlichen Funktion zu tun. Ich finde es grossartig, dass wir in einer Zeit leben, die es uns ermöglicht, unseren Körper so zuverändern, dass wir ihn subjektiv als schöner empfinden können. Wenn das Schöne jedoch vollkommen vom Natürlichen abweicht oder von dem, was medizinisch sinnvoll ist, lehne ich es ab.

Manche halten auch minime Korrektu­ren in diesem Bereich bereits für ableh­ nenswert und unverständlich.
Einige Frauen haben Angst, dass die Möglichkeit zur Normierung führen könnte. In Wirklichkeit war der Bedarf zuerst da. Wieso dürfen eine falsche Zahnstellung oder eine krumme Nase korrigiert werden, auffällig körperliche Abweichungen im Genitalbereich hingegen nicht? Erstens ist diese Operation sehr unkompliziert und risikoarm. Und zweitens haben die meisten meiner Patientinnen einen echten Leidensdruck. Für betroffene Frauen ist jeder Gang im Bikini ein Spiessrutenlauf. Die Labien können sich auch einklemmen, an der Kleidung scheuern, beim Sport oder beim Sex stören. Und ganz oft schwächt der ästhetische Makel – genauso wie etwa bei ungleich grossen Brüsten – auch hier objektiv das Selbstvertrauen, sodass sich die Frau nicht oder nicht mehr unverkrampft auf die Sexualität einlassen kann.

Also gehts letztlich um besseren Sex?
In erster Linie geht es um das Selbstwertgefühl. Wenn eine Frau sich nie richtig hingeben konnte, weil sie im Hinterkopf immer diesen Komplex hatte, kann sie nach der Operation ein ganz anderes Selbstbewusstsein entwickeln. Sie fühlt sich attraktiver und gewinnt dadurch einen anderen Zugang zur Sexualität, wovon letztlich auch der Partner profitiert.

Wie oft steckt hinter dem Operations­-Wunsch der Frau ein Mann?
Das habe ich noch nie erlebt. Erfahrungsgemäss handelt es sich wirklich um ein Bedürfnis der Frauen. Keine Frau macht einen solchen Schritt ohne triftigen Grund. Und viele, die mit einer entsprechenden Anfrage in meine Praxis kommen, haben sich vorgängig sehr gut über das Thema informiert. Ganz abgesehen davon glaube ich auch nicht, dass ein Mann die Attraktivität einer Frau aufgrund der Grösse ihrer Schamlippen beurteilt. Im Gegenteil: Wenn Männer beim Vorgespräch solcher Operationen jeweils dabei waren, sagten sie stets fast entschuldigend: «Also wegen mir müsste sie das nicht tun.»