Mutter werden mit 38 Jahren – ein Risiko?

  25. Mai 2021
Dass Frauen immer später Mütter werden, ist bekannt. Gesellschaftlich ist das kein Problem, gesundheitlich birgt eine Schwangerschaft aber schon ab 35 Jahren gewisse Risiken – für die Mutter und für das Kind. Gynäkologin Dr. med. Bettina von Seefried gibt Auskunft.

Mit 35 Jahren ändert sich für Frauen vor allem eines: der Druck, Kinder zu kriegen – wenn sie denn welche möchten. Ab diesem Zeitpunkt ist es auch wahrscheinlich, dass sie (ungefragt) darüber informiert werden,  dass die Uhr tickt . Ist das nötig?  Mit 35 fühlt man sich natürlich nicht wirklich alt, sagt Gynäkologin Dr. Bettina Seefried. Sie betreut in ihren zwei Praxen immer mehr Schwangere um die 40. Diese Patientinnen brauchen eine engmaschigere Betreuung.

Dr. von Seefried, warum liegt die Grenze für eine Risikoschwangerschaft bei 35 Jahren?
Diese Grenze ist fliessend. Aber mit 35 Jahren liegt das Risiko, ein Kind mit Downsyndrom zu gebären, bei 1 zu 380. Zehn Jahre früher beträgt die Wahrscheinlichkeit 1 zu 1352. Deshalb werden ab 35 von der Krankenkasse Untersuchungen wie Chorionzottenbiopsie und Fruchtwasserpunktion bezahlt. In den Folgejahren steigt das Risiko für das Vorliegen einer genetischen Krankheit beim Ungeborenen deutlich weiter an. Dadurch hat es sich eingebürgert, dass man über 35-Jährige als  Risikoschwangere bezeichnet.

Spielt nur das Alter eine Rolle?
Nein. Auch die Nebendiagnosen sind wichtig, um das Risiko einer Schwangerschaft für Komplikationen einzuschätzen.

Welche Nebenrisiken können das sein?
Eine 25-Jährige, die zum Beispiel wegen Bluthochdruck medikamentös behandelt wird, hat ein höheres Risiko für Komplikationen in der Schwangerschaft als eine 35-Jährige ohne Vorerkrankungen.

Ab wann sollten Frauen sich bestenfalls Gedanken über den Kinderwunsch machen?
Sobald man sich bereit fühlt und idealerweise einen Partner für diesen Wunsch hat.

Welche Risiken birgt eine späte Schwangerschaft für das Kind?
Alle Schwangerschaftskomplikationen haben schlussendlich Auswirkungen auf Kind und Mutter und bergen für beide gewisse Risiken. Durch das häufigere Auftreten von gewissen Erkrankungen ab einem gewissen Alter ist vor allem das Frühgeburtsrisiko zusätzlich erhöht.

Sind sich Ihre Patientinnen dessen bewusst?
Generell halte ich die Frauen heutzutage für sehr aufgeklärt, sie kommen sehr informiert in die Schwangerschaftsuntersuchungen. Manchmal sind die Ängste der Schwangeren rund um Komplikationen realistisch, manchmal kommen sie aber auch vom Hörensagen, und dann ist es unsere Aufgabe, diese Ängste abzubauen.

Sind ältere Frauen ängstlichere Schwangere?
Nicht grundsätzlich. Aber wie man im Volksmund sagt, sind sie häufig «kopflastiger». Das kennen wir alle: Je älter wir sind, umso weniger leichtfüssig sind wir und versuchen oft, Unsicherheit durch Kontrolle und Wissen zu kompensieren.

Welche Ängste haben die Frauen?
Sie fragen sich: Wie wird sich mein Leben verändern, wie und wann wird mein Kind zur Welt kommen, wird alles gut gehen? Ältere Schwangere versuchen, diese Fragen häufig durch Wälzen von viel Informationsmaterial unter Kontrolle zu bringen. Jüngere lassen die Dinge eher einfach so auf sich zukommen. Aber das ist nur eine generelle Aussage, natürlich spielt der individuelle Charakter auch eine grosse Rolle.

Braucht es ab 38 Jahren eher einen Kaiserschnitt?
Bei Komplikationen in der Schwangerschaft drängt sich oftmals ein Kaiserschnitt als sichere und planbare Entbindungsmethode auf, manchmal ist auch ein zügiger Kaiserschnitt als lebensrettende Massnahme notwendig.

Aber die Kaiserschnittrate steigt mit dem Alter, oder?
Ja, da manche Komplikationen ab einem gewissen Alter häufiger sind, erklärt sich dadurch eine höhere Kaiserschnittrate. Zudem kann es sein, dass mit höherem Alter der Mutter die Plazenta schneller altert und aus diesem Grund bei der vaginalen Geburt das Kind Zeichen von Stress aufweist. Auch dann wechselt man auf einen Kaiserschnitt – aber erst, nachdem bei der Patientin die Wehen eingesetzt haben.

Autor/in: LM

Dieser Artikel ist in der Schweizer Illustrierten erschienen. Link zum Originalartikel